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03. Januar 2026

Wie Breathwork das Nervensystem bei Entwicklungstraumata unterstützen kann

Viele seelische Erschütterungen entstehen früh im Leben – in Phasen, in denen unser Nervensystem noch nicht ausreichend ausgereift war, um Überforderung, Stress oder fehlende Sicherheit zu verarbeiten. Diese sogenannten Entwicklungstraumata sind weniger einzelne Ereignisse, sondern anhaltende Zustände von Überforderung.

 

Viele Menschen merken erst im Erwachsenenalter, dass bestimmte emotionale Reaktionen, innere Anspannungen oder wiederkehrende Beziehungsmuster nicht „einfach Charakter“ sind. Sie sind Spuren eines Nervensystems, das früh gelernt hat, mit Überforderung umzugehen. Entwicklungstraumata entstehen nicht zwingend durch einzelne dramatische Ereignisse, sondern oft durch anhaltende Zustände von Stress, Unsicherheit oder fehlender emotionaler Resonanz.

In den letzten Jahren rückt Breathwork zunehmend in den Fokus als körperorientierter Ansatz (Bottom up Methode), um diese tief verankerten Stressmuster zu regulieren. Doch wie kann Atmung auf Erfahrungen wirken, die oft Jahrzehnte zurückliegen?
Ein Blick auf die Polyvagal-Theorie und das Konzept des Toleranzfensters hilft zu verstehen, warum Breathwork das Nervensystem dabei unterstützen kann, alte Überlebensstrategien loszulassen und neue Sicherheit zu erfahren.

Die Polyvagal-Theorie als Erklärungsmodell
(Die Polyvagal Theorie ist wissenschaftlich nicht abschließend belegt, doch die Einteilung der vagalen Nerven und Zustände lässt sich phänomenologisch gut nachvollziehen)

Die Polyvagal-Theorie (nach Stephen Porges) beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem ständig zwischen verschiedenen Zuständen wechselt, um Sicherheit zu gewährleisten:

  • Ventraler Vagus: Zustand von Sicherheit, Verbindung, Ruhe und sozialer Offenheit (Harmonie im Freundes- und Familienkreis)
  • Sympathikus: Aktivierung, Kampf- oder Fluchtmodus, aber auch Motivation und innerer Antrieb
  • Dorsaler Vagus: Erstarrung, Rückzug, Abschalten

Wenn wir als Kinder über längere Zeit Stress, emotionale Unsicherheit oder Überforderung erleben, gerät das Nervensystem wiederholt in einen sympathischen Alarmzustand oder in Erstarrung – ohne ausreichend Unterstützung, um wieder in die Sicherheit zurückzufinden.

Das Toleranzfenster

Hier kommt das Konzept des Toleranzfensters ins Spiel.
Es beschreibt den Bereich, in dem wir emotional und körperlich handlungsfähig bleiben:

  • Gedanken sind klar
  • Gefühle regulierbar
  • Kontakt zu uns selbst und anderen ist möglich

Das Fenster ist weit, wenn wir Sicherheit erfahren haben, uns auf andere verlassen konnten.
Es ist eng, wenn wir Unsicherheit erfahren haben, die Stimmung der Bezugsperson(en) häufig gewechselt hat oder (auch geistig) nicht anwesend war. Das Nervensystem hat gelernt: "Die Welt ist unsicher, potenziell gefährlich."
Schon kleine Auslöser können dann starke Stressreaktionen hervorrufen.

Bewältigungsmechanismen als sinnvolle Anpassung

Um mit dieser Überforderung umzugehen, entwickeln wir Bewältigungsstrategien:
z. B. Kontrolle, Rückzug, ständige Aktivität, Anpassung, emotionale Abspaltung.

Diese Mechanismen waren damals notwendig und intelligent, um zu überleben.
Problematisch werden sie erst später, wenn das Nervensystem weiterhin auf alte Gefahr reagiert – obwohl im heutigen Leben keine reale Bedrohung mehr besteht.
Das äußert sich häufig in kompensatorischen Strategien wie … (zu) viel Essen, Shoppen, Scrollen, Rauchen, Trinken, Netflix,….. um zu verdrängen oder „auszuhalten“.

Wie Breathwork hier ansetzt

Traumatische Erfahrungen sind nicht nur mental gespeichert, sondern körperlich im Nervensystem verankert. Genau hier kann Breathwork ansetzen.

Durch bewusst eingesetzte Atemtechniken wird das Nervensystem:

  1. kontrolliert aktiviert (leichter sympathischer Zustand) wir bringen das Nervensystem noch einmal in einen aktiven Zustand, um es dort „abzuholen“, wo es damals überfordert war
  2. anschließend gezielt in den Ruhe- und Sicherheitsmodus (ventraler Vagus) begleitet.

Dieser Prozess signalisiert dem Körper: 
"Ich kann Aktivierung erleben - und sicher wieder zur Ruhe kommen."

 

Alte Erfahrungen, die damals nicht verstanden und verarbeitet wurden, werden abgeschlossen. Der Energiekreislauf wird endlich geschlossen und raubt uns keine unterdrückte Energie mehr. Für das Nervensystem ist das eine neue, korrigierende Erfahrung. Wir haben wieder mehr Energie für andere Dinge.
Das kann bewusst (mit Erinnerung) oder unbewusst (ohne Erinnerung) geschehen. Die Lösung solcher Situationen geschieht häufig im „Zwiebelprinzip“. Der Körper und Geist weiß, was wann verarbeitet werden kann. Und falls es doch unangenehm ist, hast Du mit Breathwork jederzeit die Kontrolle und Klarheit und kannst die Intensität anpassen.

Weitung des Toleranzfensters

Mit wiederholter, sicher begleiteter Erfahrung kann sich das Toleranzfenster erweitern:

  • Stress wird weniger schnell als bedrohlich wahrgenommen
  • Alte Trigger verlieren an Intensität
  • Emotionen können durchlebt werden, ohne zu überwältigen

Das Erlebte bleibt Teil der Biografie, beeinträchtigt aber nicht mehr das gegenwärtige Leben.

Entwicklungstraumata sind keine „Fehler“, sondern kluge Überlebensstrategien eines Nervensystems, das zu früh zu viel tragen musste. Nichts daran ist falsch – und nichts davon ist selbst verschuldet. Der Mensch konnte damals nicht anders. Diese Reaktionen waren der bestmögliche Versuch, mit einer Situation umzugehen, die überfordernd war.

Dabei geht es ausdrücklich nicht um Schuld. In vielen Fällen hatten auch die Eltern oder das Umfeld keine bewusste Schuld an dem, was geschehen ist. Oft wussten sie es nicht besser, waren selbst emotional überfordert, krank, in Krisen oder mit ihren eigenen unverarbeiteten Erfahrungen beschäftigt. Entwicklungstrauma entsteht häufig nicht aus böser Absicht, sondern aus Mangel an inneren und äußeren Ressourcen. Die Frage ist daher nicht: Wer ist schuld? – sondern: Wie kann heute ein anderer Umgang damit gefunden werden?

Breathwork kann dem Körper heute behutsam das geben, was früher gefehlt hat: Regulation, Sicherheit und das Gefühl, nicht allein zu sein. So darf sich das Nervensystem – manchmal zum ersten Mal – wirklich entspannen.

Wichtig ist auch die klare Unterscheidung zu schweren Traumata oder Schocktraumata. Entwicklungstraumata entstehen meist durch anhaltende emotionale Überforderung, fehlende Co-Regulation oder unsichere Bindung über einen längeren Zeitraum hinweg – nicht zwingend durch einzelne extreme Ereignisse. Sie wirken oft leise, schleichend und tief im Nervensystem verankert.

Integration geschieht dann nicht durch Reparieren oder Wegmachen, sondern durch ein neues inneres Erleben von Sicherheit, Verbindung und Wahlmöglichkeiten im Hier und Jetzt.